Veganismusdefinition

November 16, 2011

Übersetzung von Leslie Cross: Veganism Defined, in The Vegetarian World Forum Vol. 5 No. 1 (1951)

Jüngst hat die Vegane Gesellschaft ihre überarbeiteten und erweiterten Leitlinien verabschiedet und darin unter Anderem das Ziel der Bewegung präzisiert.

Die Ziele der Gesellschaft und die Bedeutung des Wortes „Veganismus“, welche bisweilen Gegenstand von Diskussion und persönlicher Vorliebe waren, werden hiermit wie folgt definiert:

Das Ziel der Gesellschaft ist das Beenden der Ausbeutung von Tieren durch Menschen; Das Wort Veganismus meint die Doktrin, dass Menschen leben sollten, ohne Tiere auszubeuten.

Die Gesellschaft begründet sich in der Verfolgung des Ziels, jede Benutzung von Tieren für die Nahrungsmittelerzeugung, als Waren, zur Arbeit, zur Vivisektion und für alle anderen Benutzungen, bei denen tierliches Leben durch Menschen ausgebeutet wird, zu beenden.

Die Mitgliedschaft in der Gesellschaft ist allen offen, die dieses Ziel teilen und sich bereit erklären dieses Ideal so weit selbst zu leben, wie es die persönlichen Umstände ermöglichen. Partner der Gesellschaft teilen diese Bereitschaft nicht notwendigerweise, erklären sich aber mit dem Ziel einverstanden. Die Türe steht damit weit geöffnet und die Gesellschaft heißt alle willkommen, die sich im Stande fühlen, sie zu unterstützen. Ausrichtung und Führung der Gesellschaft obliegen aber ihren Mitgliedern.

Diese Entwicklung macht den Veganismus einzigartig unter den Bewegungen des Tierschutzes, denn er hat etwas als ein Ganzes herauskristallisiert und nicht, wie bei allen anderen Bewegungen, als eine Abstraktion: Während jede andere Gruppe sich mit einem Segment beschäftigt – und daher bei pragmatischen anstelle von prinzipiellen Fragestellungen verharrt – ist der Veganismus selbst ein Prinzip, aus dem heraus sich Haltungen gegenüber den Praktiken logisch ableiten lassen.

Wendet man beispielsweise das vegane Prinzip auf den Bereich der Ernährung an, wird klar, weshalb eine gute Ernährung eine Vegetarische Ernährung im striktesten Sinne sein muss und weshalb diese keinerlei tierlichen Erzeugnisse enthalten kann. Man kann aus vielfältigen Gründen vegetarisch werden, wie etwa humanitäre Gründe, Gründe der Gesundheit oder schlicht das Vorziehen dieser Diät als eine kulinarische Präferenz. Das Prinzip hinter dieser Entscheidung ist dem eigenen Gefühl überlassen und variiert entsprechend. Der Veganismus jehdoch ist ein Prinzip – Nämlich dass Menschen kein Recht dazu haben, andere Kreaturen für die eigenen Zwecke auszubeuten – und schließt diese Möglichkeiten der Variation aus. Eine vegane Ernährung speist sich daher ausschließlich aus Früchten, Nüssen, Gemüse, Samen und anderen reichhaltigen nicht-Tierprodukten. Sie schließt Fleisch, Fisch, Geflügel, Eier, Honig, Tiermilch und deren Erzeugnisse aus.

In einer veganen Welt würden die Kreaturen in die Balance und Gesundheit der Natur reintegriert werden. Ein großer historischer Fehler, dessen Effekt auf die Evolution gewaltig gewesen sein muss, würde korrigiert werden. Die Vorstellung, dass die Mitgeschöpfe der Menschen von diesem für die eignenen Interessen benutzt werden könnten, wäre dem menschlichen Denken bis hin zur Unvorstellbarkeit fremd. In diesem Sinne geht es dem Veganismus auch nicht um den Schutz der Kreaturen als vielmehr um deren Befreiung, sowie um die Befreiung des Geistes und der Herzen der Menschen; Es geht nicht darum, die gegenwärtige Situation erträglich[er] für die Kreaturen sowie für den Geist und die Herzen der Menschen zu machen, sondern um ein kompromissloses Erkennen der gegenwärtigen Beziehung als eine Beziehung, wie zwischen Herren und Sklaven. Diese muss abgeschafft werden, bevor irgend etwas Besseres und Edleres gestaltet werden kann.

Der Veganismus ist die wahrhafte Einsicht, dass dort, wo Liebe ist für die Ausbeutung kein Raum mehr bleibt. Er steht in einer historischen Kontinuität mit der Bewegung, die menschliche Sklaven befreit hat. Wo ein Veganismus umgesetzt würde, würde alles fundamental Falsche, das den Tieren von Menschen angetan wird, automatisch verschwinden. Das Herzstück des Veganismus ist die heilende Kraft der Leidenschaft [des Mitgefühls; compassion] als der höchste Ausdruck von Liebe, zu der Menschen fähig sind. Denn diese[s] ist ein Geben ohne die Erwartung eines Bekommens. Und nichtsdestotrotz wäre der Mehrwert für die Menschen unermesslich, denn diese würden sich von vielen Zwängen ihrer niederen Natur befreien.

Markt für Tierschutz

November 15, 2011

(Lusk 2010) hat sich mal Gedanken zu einem Tierschutzansatz gemacht und übt sich in folgender Selbstkritik am Status Quo:

(…) Although consumers can buy free range products in niche markets, some have argued that existing markets cannot solve the animal welfare dilemma because there are individuals who care about animal wellbeing who do not eat animal products. (…) [I propose and discuss t]he potential merits and efficacy of an animal welfare market (…).

Obwohl Konsumenten Freilandprodukte in Nischenmärkten beziehen können, argumentieren Manche, dass die existierenden Märkte das Tierschutzdilemma nicht lösen können, weil sich Menschen die sich um das Tierwohl sorgen, dieser Märkte entziehen. Ich schlage daher einen vom Tierprodukt entkoppelten Markt für Tierschutz vor und diskutiere dessen potentielle Leistungen und Wirksamkeit.

Wenn er hier vom „Tierschutzdilemma“ spricht, meint er damit die Tatsache, dass „die Produktion etwa von Fleisch eine negative Externalität erzeugt – nämlich Tierleid“. Das bedeutet, dass in der Produktion von Tierprodukten Kosten für „die Gesellschaft“ (Wobei unklar ist, ob nichtmenschliche Tiere dazu gehören) entstehen, die im Preis des Endproduktes nicht abgebildet werden (können), weil kein_e Akteur_in in der Wertschöpfungskette für diese Kosten aufkommen muss.

Dieses „Dilemma“ ist seit Jahrhunderten bekannt. Der erste breiter diskutierte Lösungsansatz dazu stammt vermutlich schon von (Pigou 1920) und wird heute unter dem Stichwort Pigou-Steuer besprochen: PeTA hat eine schöne Veranschaulichung dieses Ansatzes produziert und auch alle anderen Orgas des Neuen und Alten Tierschutz’ greifen diesen Tropus in ihrer Programmatik auf ([1] [2] [3] [4]) … mit kaum sichtbaren „Erfolgen“.

Im Gegenteil könnte man argumenteiren, dass durch das Vorschlagen fiskaler Maßnahmen Begehrlichkeiten für Subventionen geweckt werden. Lusk spricht das explizit als Möglichkeit an und laut (Hnat 2003) gehen bspw in Österreich 60 % der fiskalen Förderungen für den Agrarsektor in die tierliche Landwirtschaft. Pflanzliche, forstliche und sonstige schaffen es zusammen auf 20 %; Für die DE, CH und die EU gilt vermutlich Vergleichbares. (Hat jemand Zahlen?)

Und selbst angenommen, eine Steuer für Tierprodukte wäre durchsetzbar, ist noch nicht unmittelbar davon auszugehen, dass anziehende Preise einen wesentlichen Einfluss auf das Konsumverhalten nehmen würden: (Gallet 2010) hat sich mal die Literatur dazu angeschaut und schließt, dass sich die Preiselastizität von Fleisch (d.h. der Faktor, wie sich Preis auf Konsum auswirkt) in einer Größenordnung 0,6 bis 0,9 bewegt: Das bedeutet, eine Preissteigerung um 10% führt zu etwa 6-9% Rückgang im Konsum. Weiter müsste man Reaktionseffekte der Länder des globalen Südens auf europäische Fiskalpolitik berücksichtigen.

Der Diskurs um die Steuer auf Tierprodukte ignoriert für mich das eigentliche Problem: Die ungebrochene Akzeptanz vom Status der Tiere als Waren. Denn innerhalb dieser Betrachtungsweise muss man jeden subjektiven Anspruch von Tieren (das sind Ansprüche um ihrer selbst willen) zurückweisen und kann alle Ansprüche nur aus menschlichen Projektionen heraus rechtfertigen. Denn Ware zu sein bedeutet schließlich, dass jeder Wert des Wesens extrinsischer Art ist. Dieses Grundannahme können (und wollen auch in den meisten Fällen) weder fiskalische Mechanismen noch ein (vom Tierprodukt entkoppelter) „Markt für Tierschutz“ hinterfragen.

Zoophilie

November 11, 2011

Das Amtsgericht in Berlin untersagt die Vereinsgründung einer Gruppe von Zoophilen, das sind Menschen, die sich sexuell (und amurös?) zu individuellen nichtmenschlichen Teiren hingezogen fühlen.

Ich war schwer überrascht von PeTA-Deutschlands Positionierung. Dort schreiben sie „Zoophilie ist immer mit Zwang gegenüber Tieren verbunden, denn sie haben sich den (sexuellen) Willensbedürfnissen der Menschen unterzuordnen – somit ist und bleibt dies rechtswidrig.

Überrascht hat mich das, weil PeTA’s ChefideologInnen Peter Singer und Ingrid Newkirk dazu eigentlich eine andere Position haben: Siehe etwa Singers Text Heavy Petting oder diese Reaktion von Newkirk.

If a girl gets sexual pleasure from riding a horse, does the horse suffer? If not, who cares? If you French kiss your dog and he or she thinks it’s great, is it wrong? We believe all exploitation and abuse is wrong. If it isn’t exploitation and abuse, it may not be wrong.

Wenn ein Mädchen das Reiten auf einem Pferd sexuell erregt, leidet dann das Pferd? Falls nicht, was wäre dann schon dabei? Wenn du deinem Hund einen Zungenkuss gibst und sie oder er es großartig findet, wäre das falsch? Wir glauben Ausbeutung und Mishandlungen sind falsch. Falls eine Sache nicht darunter fällt, dann kann sie auch Ok sein.

Zugegeben; Das klingt (im Gegensatz zu Singers wohlüberlegten Text) wenig reflektiert. Es ergibt aber in ihrem ethischen Setting, in dem Newkirk sonst so über die Mensch-Tierbeziehungen nachdenkt, Sinn.

Newkirk und Singer fragen als UtilitaristInnen nur in Situationen nach „glücksmaximierenden Handlungen“ und ignorieren dabei (notwendigerweise) Machtgefüge wie bspw. Privilegien, die Eigenschaft Eigentum zu sein, wirtschaftliche Abhängigkeiten, etc.

Gegenseitig respektvolle sexuelle Interspeziesbeziehungen sind vielleicht abstrakt vorstellbar. Aber in einer Gesellschaft in der Tiere Eigentum sind und jährlich 60 Mrd. nichtmenschliche Tiere zur Erzeugung sogenannter Nahrung getötet werden, scheint es mir völlg illosorisch, anzunehmen, dass sexuelle Interspeziesbeziehungen, die dieses Machtverhältnis nicht wiederspiegeln, praktisch möglich sein sollten.

Vor dem selben Hintergrund halte ich es übrigens ebenso für unangebracht von zoophilen Menschen als „kranken Schweinen“ zu sprechen; Denn Schweine können für den ganzen Quatsch am allerwenigsten und sie als derrogatives generisches Anderes für etwas, was einen selbst anekelt, zu rendern, ist eher geeignet, diese institutionalisierte Gewalt weiter zu verfestigen, als einen kritischen Diskurs darüber anzustoßen.

Ich finde das alles auch ein schönes Beispiel, um praktisch nachzuvollziehen, wie der theoretische Ansatz von Singer prinzipiell nicht in der Lage sein kann wesentliche und konstitutive Elemente von Herrschaft der Menschen über nichtmenschliche Tiere kritisch zu denken.

Und es ist für mich auch Interessant, dass Haferbeck widerspricht. Mir scheint das vielleicht relevant, wenn ich mich nämlich frage, inwiefern eine abolitionistische Kritik am neuen Tierschutz aus dem englischsprachigen Raum auf den deutschsprachigen Raum übertragbar ist. Interessant fände ich also auch Details, warum Haferbeck widerspricht. Hoffnungen mach ich mir da aber eher keine, weil er mir bislang noch nicht durch nachvollziehbare Begründungen seiner Positionen aufgefallen ist.

Aber vielleicht waren ja auch die Leute des zu gründenden Vereins einfach nur ein Haufen Verwirrter und deren Gründungsdokumente viel zu Diffus um anhand dieser zu beginnen, ernsthaft über Zoophillie zu sprechen. Auch das fände ich interessant nachzulesen.

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