Markt für Tierschutz

November 15, 2011

(Lusk 2010) hat sich mal Gedanken zu einem Tierschutzansatz gemacht und übt sich in folgender Selbstkritik am Status Quo:

(…) Although consumers can buy free range products in niche markets, some have argued that existing markets cannot solve the animal welfare dilemma because there are individuals who care about animal wellbeing who do not eat animal products. (…) [I propose and discuss t]he potential merits and efficacy of an animal welfare market (…).

Obwohl Konsumenten Freilandprodukte in Nischenmärkten beziehen können, argumentieren Manche, dass die existierenden Märkte das Tierschutzdilemma nicht lösen können, weil sich Menschen die sich um das Tierwohl sorgen, dieser Märkte entziehen. Ich schlage daher einen vom Tierprodukt entkoppelten Markt für Tierschutz vor und diskutiere dessen potentielle Leistungen und Wirksamkeit.

Wenn er hier vom „Tierschutzdilemma“ spricht, meint er damit die Tatsache, dass „die Produktion etwa von Fleisch eine negative Externalität erzeugt – nämlich Tierleid“. Das bedeutet, dass in der Produktion von Tierprodukten Kosten für „die Gesellschaft“ (Wobei unklar ist, ob nichtmenschliche Tiere dazu gehören) entstehen, die im Preis des Endproduktes nicht abgebildet werden (können), weil kein_e Akteur_in in der Wertschöpfungskette für diese Kosten aufkommen muss.

Dieses „Dilemma“ ist seit Jahrhunderten bekannt. Der erste breiter diskutierte Lösungsansatz dazu stammt vermutlich schon von (Pigou 1920) und wird heute unter dem Stichwort Pigou-Steuer besprochen: PeTA hat eine schöne Veranschaulichung dieses Ansatzes produziert und auch alle anderen Orgas des Neuen und Alten Tierschutz’ greifen diesen Tropus in ihrer Programmatik auf ([1] [2] [3] [4]) … mit kaum sichtbaren „Erfolgen“.

Im Gegenteil könnte man argumenteiren, dass durch das Vorschlagen fiskaler Maßnahmen Begehrlichkeiten für Subventionen geweckt werden. Lusk spricht das explizit als Möglichkeit an und laut (Hnat 2003) gehen bspw in Österreich 60 % der fiskalen Förderungen für den Agrarsektor in die tierliche Landwirtschaft. Pflanzliche, forstliche und sonstige schaffen es zusammen auf 20 %; Für die DE, CH und die EU gilt vermutlich Vergleichbares. (Hat jemand Zahlen?)

Und selbst angenommen, eine Steuer für Tierprodukte wäre durchsetzbar, ist noch nicht unmittelbar davon auszugehen, dass anziehende Preise einen wesentlichen Einfluss auf das Konsumverhalten nehmen würden: (Gallet 2010) hat sich mal die Literatur dazu angeschaut und schließt, dass sich die Preiselastizität von Fleisch (d.h. der Faktor, wie sich Preis auf Konsum auswirkt) in einer Größenordnung 0,6 bis 0,9 bewegt: Das bedeutet, eine Preissteigerung um 10% führt zu etwa 6-9% Rückgang im Konsum. Weiter müsste man Reaktionseffekte der Länder des globalen Südens auf europäische Fiskalpolitik berücksichtigen.

Der Diskurs um die Steuer auf Tierprodukte ignoriert für mich das eigentliche Problem: Die ungebrochene Akzeptanz vom Status der Tiere als Waren. Denn innerhalb dieser Betrachtungsweise muss man jeden subjektiven Anspruch von Tieren (das sind Ansprüche um ihrer selbst willen) zurückweisen und kann alle Ansprüche nur aus menschlichen Projektionen heraus rechtfertigen. Denn Ware zu sein bedeutet schließlich, dass jeder Wert des Wesens extrinsischer Art ist. Dieses Grundannahme können (und wollen auch in den meisten Fällen) weder fiskalische Mechanismen noch ein (vom Tierprodukt entkoppelter) „Markt für Tierschutz“ hinterfragen.

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