TB-Tage I

Januar 14, 2012

Ich werde die nächsten Tage mal meine Gedenkan zu den Tierbefreiungstagen in Hamburg festhalten und diese dabei auch in erster Linie für mich selbst organisieren.

Zunächst stellten heute zwei Personen jeweils eine dystopische und eine utopische Vision der Tierbefreiungsbewegung im Jahre 2020 vor und haben so auf durchaus humorvolle Art und Weise durchaus sinnvolle Kritiken und bedenkenswerte Verbesserungssansätze vorgeschlagen.

Probleme, die in der dystopischen Vision eine Rolle spielten, waren meinem Verständnis nach in erster Linie

  • ein mangelndes Bewusstsein und Interesse für die eigene Bewegungsgeschichte und die dadurch fortwährende Reproduktion immer der selben Fehler.
  • eine hohe Fluktuation und eine soziale Geringschätzung von den Erfahrungen langjähriger Aktivist_innen,
  • Das Fehlen von stabilen überregionalen Strukturen und finanziellen Förderungsmöglichkeiten von Aktivismus,
  • Kooperationen mit zweifelhaften Gruppen und Personen, sowie ein allgemein diffuses Verständnis von Grundbegriffen der Bewegung,
  • eine subkulturelle Identitätspolitik, die niemand wirklich versteht und die außer dem „sich Abgrenzen“ bzw. „sich Hervorheben“ keinerlei ersichtlichen inhaltlichen Zweck, insbesondere für Menschen außerlhalb dieser soziokulturellen Kontexte hat.

Vorschläge, wie es anders laufen könnte, umfassten dann unter Anderem die Idee einer Stiftung, die kontinuierlicheren Aktivismus finanziell ermöglichen und unterstützen könnte. Ich hatte mich zunächst gefragt, wo plötzlich die finanziellen Mittel für so eine Stiftung herauswachsen sollten und welche_r Player_in dafür in Frage käme… Diese Frage wurde dann jäh insofern für mich beantwortet, alsdass im Hörsaal der letzten Session des Tages auf jedem Platz Hochglanzdrucke des Gründungstextes der Assoziation Dämmerung herumlagen, dass ich mir 1 und 1 zusammenzählen konnte. Groß angetan war ich ja von dem Gründungstext nicht, aber ich bin natürlich gespannt, was sich dort entwickelt.

Weitere Verbesserungsvorschläge war eine dezidiert abolitionistische Argumentation und eine scharfe Distanzierung vom Tierschutz. Die Proposition der Distanzierung zum (mMn viel relevanteren) Begriff des Neuen Tierschutz’ viel zwar durch eine andere Rednerin in der darauffolgenden Session, aber ich hatte dabei das Gefühl, dass die Kritik daran entweder irrelevant gefunden oder nicht verstanden wurde.

Weitere mögliche Verbesserungen vermutete die Rednerin in einer Distanzierung von der linksautonomen Szene (ohne eine gleichzeitige Abkehr von linksradikaler Programmatik) und an einer wenigstens teilweisen Abkehr von der vorherrschenden Sicherheitskultur zum Zweck der öffentlichen Nachvollziehbarkeit und Rezipierbarkeit unserer politischen Praxis als Bewegung.

Corey Wrenn recently proposed the idea that „Putting the burden of proof on vegans“ is a phenomenon that is experienced by vegan activists in a way that it isn’t in the context of other social justice movements. She introduces us to Stevie, Lindsey and Mick who all work in different movements and their work is very much appreciated by their local environments, Christine as an abolitionist vegan activist, however, experiences resistance and the a feeling that she somehow has to justify her activism.

Here is, why I don’t find this comparison to be very helpful:
The moment that Stevie will start to speak up and educate people about how capitalism and peoples uncritical consumerism brings about an ideology of indifference to the weak and in particular the homeless she will face attacks that are very similar to Christine’s experiences.

The moment that Lindsey will start to engage people on the sexist comments that she encounters on a daily basis in her bread-work as a programmer in a respectful but explicit way; In that precise moment she will be attacked in a very similar way to Christine and be asked to justify her beliefs

And finally it also appears to be true that the moment that Mick will start to engage people about how their wasteful and unsustainable usage of goods and natural resources is in his opinion a global-social issue; I that moment he will be asked to justify his belief and he will be attacked just the same way that Christine is.

From my experience *any* anti-Xist who *engages* people on their violent ideologies experiences very similar hostilities. (X ∈ {sex, race, species, class, look, age, })

Veganism anti-speciesism is in that regard really not that special amongst the others. That is of course not to say that we should stop engaging people; all to the contrary. But the experience of hostility is nothing that distinguishes us from other social justice movements, so I think we should, to some extent, „just deal with it“.

„If there is no struggle there is no progress. Those who profess to favor freedom and yet deprecate agitation […] want crops without plowing up the ground; they want rain without thunder and lightning. They want the ocean without the awful roar of its many waters.“ – Frederick Douglass: http://www.blackpast.org/?q=1857-frederick-douglass-if-there-no-struggle-there-no-progress

Actually I think you can even make an opposite argument, that vegans are in a socially privileged position and could chose to make themselves invisible in a way in which (say) an anti-racist person of color could not do in a normatively white environment, like is much of the US. From that would follow that we should show a lot more effort in „sucking shit up“ to practice solidarity and sensibility towards the struggles of others, that we want to consider our allies in our own struggle[s] against oppression.

Veganismusdefinition

November 16, 2011

Übersetzung von Leslie Cross: Veganism Defined, in The Vegetarian World Forum Vol. 5 No. 1 (1951)

Jüngst hat die Vegane Gesellschaft ihre überarbeiteten und erweiterten Leitlinien verabschiedet und darin unter Anderem das Ziel der Bewegung präzisiert.

Die Ziele der Gesellschaft und die Bedeutung des Wortes „Veganismus“, welche bisweilen Gegenstand von Diskussion und persönlicher Vorliebe waren, werden hiermit wie folgt definiert:

Das Ziel der Gesellschaft ist das Beenden der Ausbeutung von Tieren durch Menschen; Das Wort Veganismus meint die Doktrin, dass Menschen leben sollten, ohne Tiere auszubeuten.

Die Gesellschaft begründet sich in der Verfolgung des Ziels, jede Benutzung von Tieren für die Nahrungsmittelerzeugung, als Waren, zur Arbeit, zur Vivisektion und für alle anderen Benutzungen, bei denen tierliches Leben durch Menschen ausgebeutet wird, zu beenden.

Die Mitgliedschaft in der Gesellschaft ist allen offen, die dieses Ziel teilen und sich bereit erklären dieses Ideal so weit selbst zu leben, wie es die persönlichen Umstände ermöglichen. Partner der Gesellschaft teilen diese Bereitschaft nicht notwendigerweise, erklären sich aber mit dem Ziel einverstanden. Die Türe steht damit weit geöffnet und die Gesellschaft heißt alle willkommen, die sich im Stande fühlen, sie zu unterstützen. Ausrichtung und Führung der Gesellschaft obliegen aber ihren Mitgliedern.

Diese Entwicklung macht den Veganismus einzigartig unter den Bewegungen des Tierschutzes, denn er hat etwas als ein Ganzes herauskristallisiert und nicht, wie bei allen anderen Bewegungen, als eine Abstraktion: Während jede andere Gruppe sich mit einem Segment beschäftigt – und daher bei pragmatischen anstelle von prinzipiellen Fragestellungen verharrt – ist der Veganismus selbst ein Prinzip, aus dem heraus sich Haltungen gegenüber den Praktiken logisch ableiten lassen.

Wendet man beispielsweise das vegane Prinzip auf den Bereich der Ernährung an, wird klar, weshalb eine gute Ernährung eine Vegetarische Ernährung im striktesten Sinne sein muss und weshalb diese keinerlei tierlichen Erzeugnisse enthalten kann. Man kann aus vielfältigen Gründen vegetarisch werden, wie etwa humanitäre Gründe, Gründe der Gesundheit oder schlicht das Vorziehen dieser Diät als eine kulinarische Präferenz. Das Prinzip hinter dieser Entscheidung ist dem eigenen Gefühl überlassen und variiert entsprechend. Der Veganismus jehdoch ist ein Prinzip – Nämlich dass Menschen kein Recht dazu haben, andere Kreaturen für die eigenen Zwecke auszubeuten – und schließt diese Möglichkeiten der Variation aus. Eine vegane Ernährung speist sich daher ausschließlich aus Früchten, Nüssen, Gemüse, Samen und anderen reichhaltigen nicht-Tierprodukten. Sie schließt Fleisch, Fisch, Geflügel, Eier, Honig, Tiermilch und deren Erzeugnisse aus.

In einer veganen Welt würden die Kreaturen in die Balance und Gesundheit der Natur reintegriert werden. Ein großer historischer Fehler, dessen Effekt auf die Evolution gewaltig gewesen sein muss, würde korrigiert werden. Die Vorstellung, dass die Mitgeschöpfe der Menschen von diesem für die eignenen Interessen benutzt werden könnten, wäre dem menschlichen Denken bis hin zur Unvorstellbarkeit fremd. In diesem Sinne geht es dem Veganismus auch nicht um den Schutz der Kreaturen als vielmehr um deren Befreiung, sowie um die Befreiung des Geistes und der Herzen der Menschen; Es geht nicht darum, die gegenwärtige Situation erträglich[er] für die Kreaturen sowie für den Geist und die Herzen der Menschen zu machen, sondern um ein kompromissloses Erkennen der gegenwärtigen Beziehung als eine Beziehung, wie zwischen Herren und Sklaven. Diese muss abgeschafft werden, bevor irgend etwas Besseres und Edleres gestaltet werden kann.

Der Veganismus ist die wahrhafte Einsicht, dass dort, wo Liebe ist für die Ausbeutung kein Raum mehr bleibt. Er steht in einer historischen Kontinuität mit der Bewegung, die menschliche Sklaven befreit hat. Wo ein Veganismus umgesetzt würde, würde alles fundamental Falsche, das den Tieren von Menschen angetan wird, automatisch verschwinden. Das Herzstück des Veganismus ist die heilende Kraft der Leidenschaft [des Mitgefühls; compassion] als der höchste Ausdruck von Liebe, zu der Menschen fähig sind. Denn diese[s] ist ein Geben ohne die Erwartung eines Bekommens. Und nichtsdestotrotz wäre der Mehrwert für die Menschen unermesslich, denn diese würden sich von vielen Zwängen ihrer niederen Natur befreien.

Markt für Tierschutz

November 15, 2011

(Lusk 2010) hat sich mal Gedanken zu einem Tierschutzansatz gemacht und übt sich in folgender Selbstkritik am Status Quo:

(…) Although consumers can buy free range products in niche markets, some have argued that existing markets cannot solve the animal welfare dilemma because there are individuals who care about animal wellbeing who do not eat animal products. (…) [I propose and discuss t]he potential merits and efficacy of an animal welfare market (…).

Obwohl Konsumenten Freilandprodukte in Nischenmärkten beziehen können, argumentieren Manche, dass die existierenden Märkte das Tierschutzdilemma nicht lösen können, weil sich Menschen die sich um das Tierwohl sorgen, dieser Märkte entziehen. Ich schlage daher einen vom Tierprodukt entkoppelten Markt für Tierschutz vor und diskutiere dessen potentielle Leistungen und Wirksamkeit.

Wenn er hier vom „Tierschutzdilemma“ spricht, meint er damit die Tatsache, dass „die Produktion etwa von Fleisch eine negative Externalität erzeugt – nämlich Tierleid“. Das bedeutet, dass in der Produktion von Tierprodukten Kosten für „die Gesellschaft“ (Wobei unklar ist, ob nichtmenschliche Tiere dazu gehören) entstehen, die im Preis des Endproduktes nicht abgebildet werden (können), weil kein_e Akteur_in in der Wertschöpfungskette für diese Kosten aufkommen muss.

Dieses „Dilemma“ ist seit Jahrhunderten bekannt. Der erste breiter diskutierte Lösungsansatz dazu stammt vermutlich schon von (Pigou 1920) und wird heute unter dem Stichwort Pigou-Steuer besprochen: PeTA hat eine schöne Veranschaulichung dieses Ansatzes produziert und auch alle anderen Orgas des Neuen und Alten Tierschutz’ greifen diesen Tropus in ihrer Programmatik auf ([1] [2] [3] [4]) … mit kaum sichtbaren „Erfolgen“.

Im Gegenteil könnte man argumenteiren, dass durch das Vorschlagen fiskaler Maßnahmen Begehrlichkeiten für Subventionen geweckt werden. Lusk spricht das explizit als Möglichkeit an und laut (Hnat 2003) gehen bspw in Österreich 60 % der fiskalen Förderungen für den Agrarsektor in die tierliche Landwirtschaft. Pflanzliche, forstliche und sonstige schaffen es zusammen auf 20 %; Für die DE, CH und die EU gilt vermutlich Vergleichbares. (Hat jemand Zahlen?)

Und selbst angenommen, eine Steuer für Tierprodukte wäre durchsetzbar, ist noch nicht unmittelbar davon auszugehen, dass anziehende Preise einen wesentlichen Einfluss auf das Konsumverhalten nehmen würden: (Gallet 2010) hat sich mal die Literatur dazu angeschaut und schließt, dass sich die Preiselastizität von Fleisch (d.h. der Faktor, wie sich Preis auf Konsum auswirkt) in einer Größenordnung 0,6 bis 0,9 bewegt: Das bedeutet, eine Preissteigerung um 10% führt zu etwa 6-9% Rückgang im Konsum. Weiter müsste man Reaktionseffekte der Länder des globalen Südens auf europäische Fiskalpolitik berücksichtigen.

Der Diskurs um die Steuer auf Tierprodukte ignoriert für mich das eigentliche Problem: Die ungebrochene Akzeptanz vom Status der Tiere als Waren. Denn innerhalb dieser Betrachtungsweise muss man jeden subjektiven Anspruch von Tieren (das sind Ansprüche um ihrer selbst willen) zurückweisen und kann alle Ansprüche nur aus menschlichen Projektionen heraus rechtfertigen. Denn Ware zu sein bedeutet schließlich, dass jeder Wert des Wesens extrinsischer Art ist. Dieses Grundannahme können (und wollen auch in den meisten Fällen) weder fiskalische Mechanismen noch ein (vom Tierprodukt entkoppelter) „Markt für Tierschutz“ hinterfragen.

Schade. Die Vegane Gesellschaft verpasst nicht nur ihre Chance, einen kritischen Diskurs zu Singer anzustoßen, (wie es bspw. die asatue in einem anderen Kontext ganz gut vormacht) sondern haut stattdessen eine peinliche Beschwerde beim Presserat heraus. Ich dachte @zeitrafferin (aka Julia Seelinger) kocht Probleme auf, die wir längst überwunden hätten. Anscheinend hat sie mit ihrem Rant aber doch bei vielen einen Nerv getroffen.

Dann auch noch dieser Aufschrei, die armen Veganer_innen seien ja sooo diskriminiert. Das ist auf so vielen Ebenen Infam: Selbst wenn man kein_e Tierrechlier_in ist, erkent man leicht, dass die soziologische Zusammensetzung von Veganer_innen überhaupt nicht einer marginalisierten Gruppe ähnelt. Und es gibt eine Hand voll großartiger Tierrechtler_innen, die sehr scharf analysieren, dass das es seine guten Gründe hat und ein Problem ist, dass überwiegend bürgerliche, wirtschaftlich affluente, weiße Akademiker_innen die Basis der Veganer_innen bilden und die Theoriebildung zusätzlich überwiegend von männlichen Personen betrieben wird bei einer überwiegend weiblichen Basis. Solange wir diese Hierarchien bei uns kultivieren, sollten wir von Diskriminierung schweigen. Und auch wenn wir diese abgebaut haben, scheint es mir aus tierrechtlicher Perspektive angebracht hier Zurückhaltung in Achtung derjenigen zu üben, für die sich Diskriminierung nicht nur als ein ärgerlicher Artikel ausdrückt, sondern die Diskriminierung so erleben, dass ihre Körper und ihre reproduktiven Zyklen zu einer Ressource gemacht und konsumiert werden.

Und auch die anderen jüngsten Posts von der VGD sind bei etwas genauerem Hinsehen eigentlich nur die übliche neutierschützerische Kackscheiße: Özdemiers anthropozentrisches Vegetarismusargument. Der olle Bill Clinton, der schon vor einem halben Jahr nicht vegan war. (Er isst überwiegend pflanzlich und auch nur aus gesundheitlichen Gründen) Und dann noch die Die Fürstin, die ich mir schon gar nicht mehr angeschaut habe, weil auch so schon klar ist, was sie nicht sagen wird:

  • Sie wird nicht formulieren, dass es ein prinzipielles Problem ist, Tiere als eine Ressource zu behandeln. In anderen Kontexten sind wir bereit zuzugestehen, dass Tiere eigene Erfahrungen von der Welt haben und diese eigene Perspektive ihr Wohlergehen wichtig macht und zwar logisch unabhängig davon, ob ihr Lebenswandel für triviale menschliche Bedürfnisse einen profitablen Kurs nimmt. Sie sind, wie alle Wesen mit eigenen Erfahrungen der Welt für sich genommen wichtig und nicht, weil es jemanden nützt.
  • Sie wird nicht von der gewalttätigen Grundhaltung sprechen, die wir gegenüber Nichtmenschen an den Tag legen; Von der speziesistischen Ideologie mit der wir das weltweite Schlachten von 56 Mrd nichtmenschlichen Säugetiere und etwa einer Billion Meerestiereb pro Jahr rationalisieren, obwohl es für uns keinen besseren Grund dafür gibt, alsdass uns ihre Körper und Sekrete so wahnsinnig gut schmecken.

So und jetzt schau ich mir das Video an und werde mich „freuen“, dass ich mal wieder Recht hatte… *.*

Durch die Blogs und Netzwerke blubbert die Tage vielfach ein Video [Trigger Warnung] aus einem indonesischen Schlachthaus, das auch von der australischen Mainstreampresse aufgegriffen wurde und vielfach als „besonders grausam“ beschrieben wird.

Selbst der oberste Schlächter des Landes sieht sich genötigt, diese Bilder als „extrem schockierend“ zu kommentieren und unterstellt damit natürlich implizit, dass „australisch geschlachtete Tiere“ in ihrer Verwandlung von einem Lebewesen zu Fleisch grundsätzlich mehr „Menschlichkeit und Mitgefühl“ erfahren, als es innerhalb der muslimischen Schalchtriten möglich wäre.

Im Detail habe ich das nicht verfolgt, aber ich glaube die Konsequenz war letztlich ein Importstopp. Ich meine auch die Begründung dafür gelesen zu haben, man wolle die betroffenen Tiere „retten“, indem man sie in Australien schlachtet. So spielen sich letztlich Diejenigen, die die Nutzung dieser Tiere tragen und daran tailhaben zu den Retter_innen der Betroffenen auf. Und die Tierorganisationen (genauer diese) bestätigen die Akteure dabei in ihrer Rolle.

Ich kritisiere mal das Offensichtliche zuerst: Der Status nichtmenschlicher Tiere als Ressource, dessen Abschaffung oder zumindest Schwächung mMn die Hauptaufgabe tieremanzipatorischer Bewegungen sein sollte, wird nicht in Frage gestellt. Das ist schlimm genug, wäre aber (leider) für sich genommen nichts Neues.

Interesant ist an dem Fall nicht, dass auf damit die Annahme perpetuiert wird, es gäbe eine Skala von Arten und Weisen der Schlachtung, die von „besonders schlimm“ bis zu „wenns denn sein muss“ geht sondern, dass hier besonders sichtbar ist, dass die Unterscheidung, ob eine Schlachtung „grausam“ oder „menschlich“ (englisch humane) ist, entlang rassistischer bzw. islamophob/antisemitischer Linien verlaufen. Mitlerweile finde ich, darf mich das auch ankotzen: Denn schließlich ist das nicht das erste Mal, dass darüber geredet wird.

Interessant ist an dieser Stelle, auch zu fragen, wer eigentlich von diesem „Skandal“ profitiert:
Die mittelfristige Verlagerung von Schlachtungen in das eigene Land wird im Angesicht steigender Transportkosten (Qua Rohölpreis) nämlich ohnehin zu einer volkswirtschaftlichen Notwendigkeit für die Tierausbeutenden. Sie nun durch eine „Bewusstseinbildung“ bei den Konsument_innen weiter zu fördern, gedient dabei ganz klar der Effizienz der Tierproduktion. Apelle ans Mitgefühl werden so nicht nur in eine absurde Vorstellung von mitfühlender Schlachtung kanalisiert, sondern auch zu einem planwirtschaftlichen Vehikel instrumentalisiert.

Es ist dabei mitnichten so, dass ich Gewalt gegen nichtmenschliche Tiere in Indonesien kleinreden möchte: Doch es ist praktisch nicht möglich in einem Satz zu sagen, dass eine Instanz von Gewalt „besonders schlimm“ ist, ohne dabei implizit auch zu sagen, (indem man bspw. darüber schweigt) dass andere Instanzen akzeptabel sind. Das ist ein bisschen analog zur Kritik an der Extremismustheorie, wo durch die herausgehobene Kritik besonders sichtbarerer Gewalt gegen eine Minderheit diejenige Gewalt, die strukturell von dem gesellschaftlichen Mainstream getragen und reproduziert wird, unsichtbar gemacht und weiter verfestigt wird. Wir lullen uns so, insbesondere im tierlichen Kontext, in die (falsche) Vorstellung, es gäbe eine zivilisierte Art und Weise der Ausbeutung (von nichtmenschlichen) Tieren.

Und letztlich machen viele dem Selbstversändnis nach tieremanzipatorische Gruppen genau das: Sie erklären den Leuten, dass es schlimm ist, getötete Tiere vor den Augen anderer Tiere in Indonesien zu häuten und schweigen aber über das, was deren Publikum eigentlich viel direkter betreffen würde: Dass diese Ansprechpartner_innen selbst jeden Tag Tiere als eine Ressource behandeln und zwar auf eine Art und Weise, die aus einer Betroffenenperspektive der Gewalt gegen Nichtmenschen in Indonesien um nichts nachsteht. Als Reaktion kaufen die Leute mit einem verbessertem Gewissen „gutes Fleisch“ (Es Muss „gut“ sein, denn schließlich haben mir die Tiernerds dazu geraten) anstelle ihre eigene offensichtliche Verflochtenheit mit Tierausbeutung zu realisieren und zu beenden.

Siehe auch

Als abolitionistisch vegane Feministin_en stellen wir uns gegen sexistische Ansätze in den tieremanzipatorischen Bewegungen. Eine Tierrechtsposition aufbauend auf einen ethischen Veganismus als Minimalforderung, wie wir sie vertreten, enthält in ihren Begründungsstrukturen die Zurückweisung Ausbeutungsmechanismen gegen alle verletzlichen Wesen – sowohl gegen Menschen als auch gegen Nichtmenschen. Unsere Kritik am Speziesismus ist nicht mit Sexismen oder anderen Formen von Diskriminierung wie Rassismen, Klassismen, Heterosexismen, etc. vereinbar.

(Übersetzung eines Statements)

Wir sind vielen, insbesondere weiblichen, Tieraktivistinnen begegnet, die die Verwendung von Sexualisierungen zur Agitation unproblematisch finden und verschiedene Rechtfertigungsansätze dafür vorbringen. Ferner wurden andere Aktivist_innen angegriffen, die diese Praxen offen kritisiert haben. Beides ist aus unserer Sicht für eine ernsthafte emanzipatorische Bewegung inakzeptabel.

Einige Aktivist_innen verteidigen die Verwendung von Sexualisierungen mit dem Vorwurf der Prüderie, den sie gegen uns richten. Abolitionistische Veganer_innen sind mitnichten prüde! Vielmehr erkennen wir in der Art und Weise, wie Sex zum Verkauf von Waren im Patriarchat genutzt wird, eine Reduktion von Frauen auf ihre reproduktiven Fähigkeiten und einer allgemeinen Verdinglichung. Betrachte als Beispiel die Art und Weise, wie PeTA Sex für ihre Kampagnen instrumentalisiert: In ihren Materialien reproduzieren sie ausschließlich westliche Schönheitsideale, indem sie dünne, vollbusige Frauen vermarkten, die sich in einer passiven, verletzlichen Position einem (männlichen heterosexuellen) Betrachter präsentieren.

PeTAs Männerbild hingegen ist muskulös und in deren Haltung gezeichnet von Eigenschaften wie Entschlossenheit, Stärke und Souveränität. Wenn sexistische Machtverhältnisse benutzt werden um eine „Gerechtigkeitsforderung“ für Nichtmenschen zu verkaufen, zu dem Preis, ein passives, sich unterwerfendes Rollenmodell menschlicher Frauen zu zeichnen liegt für uns der Zynismus klar auf der Hand. Jede Ernsthaftigkeit von Ausbeutungsverhältnissen und Ungerechtigkeiten wird durch das Einbringen dieser billigen Stereotypen banalisiert und diese Ansätze sind weit entfernt, die zugrunde liegenden Aubeutungsverhältnisse, die sowohl Menschen als auch Nichtmenschen betreffen, anzugreifen.

Einige Aktivist_innen verteidigen die Verwendung von Sex mit dem Argument, Sexualität erlange die Aufmerksamkeit potentieller neuer Veganer_innen. Indem wir an ihr Selbstbild anknüpfen und aufzeigen wie sexy der Veganismus uns macht, würden diese motiviert vegan zu leben. Diese Auffassung ist nicht nur inhaltlich falsch, sondern würde, wenn sie wahr wäre, von den eigentlichen Gründen, die eine vegane Politik motivieren sollten ablenken. Es geht uns um die Rechte von Tieren. Nicht darum, dass wir uns „sexy“ fühlen, besseren Sex haben, oder besser aussehen, als Menschen, die Tierprodukte essen; Alles Eigenschaften von denen wir alle wissen, dass die einer veganen Lebensweise weder kausal noch faktisch in irgend einer Verbindung stehen.

Veganismus sexualisierend zu bewerben, wird, wenn es nicht sogar explizit getan wird, ganz implizit gelesen werden, als eine Diät, mit der (in erster Linie Frauen) Gewicht verlieren können. Wir sollten bedenken, wie diese Botschaft auf diejenigen Veganer_innen wirkt, die sich nicht als „sexy“ identifizieren. Ihnen wird ein Versagen darin suggeriert, dass ihre Körper diesen einschränkenden Standards nicht entsprechen. Das wird diesen Personen wahrscheinlich an anderen Stellen bereits zur Genüge angetan.

Wieder beobachten wir eine klare Referenz auf ein ganz bestimmtes, einschränkendes Schönheitsideal, das (bspw. dicke) Menschen marginalisiert und Männern wie Frauen, letzteren jedoch insbesondere, schadet. Schlimmer aber noch ist in unseren Augen, dass diese Art der Agitation die Aufmerksamkeit von der eigentlichen Haltung, die für eine vegane Lebensweise spricht, ablenkt: Nämlich von der Anerkennung nichtmenschlicher Tiere als Personen.

Einige Aktivist_innen, die eine sexualisierende Bewerbung verteidigen, verneinen, dass ihr Diskurs sexistisch sei. Vielmehr „ermächtige“ er die teilnehmenden Frauen. Kritiken an den Aktivitäten erklären sie zu einem Ausdruck der Geringschätzung der Akteurinnen und weisen den Sexismusvorwurf auf diese Art und Weise an die Kritisierenden zurück; Insbesondere dann, wenn männliche Personen die Kritik vorbringen.

Wir beobachten eine „Männer sollten auf Frauen hören“-Einstellung in diesen Forderungen, die versucht die Gleichheitsforderung, für die eine feministische Position einsteht, mit einem biologistisch begründetem weiblichen Autoritarismus zu zerlegen.
Selbstverständlich erkennen wir an, dass eine Perspektive der Betroffenen (und überhaupt von Frauen) einbezogen werden sollte. Doch das heißt nicht, dass wir einer Argumentation folgen sollten, nur weil die aussprechende Person weiblich ist; Solchen Positionen einen begründeten Gegenentwurf gegenüber zu stellen ist sicher kein Ausdruck von Sexismus. Mit den Worten von bell books: „Während ich anerkenne, dass Schwesternschaft eine starkes Instrument unserer Ermächtigung ist, gilt doch, dass der Feminismus eine Theorie für alle ist.“

Betrachten wir einen Weiteren Einwand. Einige meinen, diese Kampagnen seien notwendig um die Aufmerksamkeit „normaler Menschen“ zu erlangen. Wir haben bereits angemerkt, dass diese Formen von Bewerbung, die Aufmerksamkeit vom Kernaspekt eher weg lenkt: Nämlich von dem Grundrecht verletzlicher Wesen, nicht als Eigentum behandelt zu werden.

Aufmerksamkeit um jeden Preis zu erhaschen ist nicht der Weg, den wir beschreiten sollten, um eine todernste Angelegenheit, wie Gewalt gegen Schwächere, anzusprechen. In einer Gesellschaft, die diese Gewalt vielfach nicht wahr oder wenigstens nicht ernst nimmt, werden „Aufmerksamkeit-um-jeden-Preis“-Ansätze eher dazu beitragen, die unerträgliche und allgegenwärtige Gewalt weiter zu banalisieren. PeTAs sexistische Kampagnen bekommen zweifelsohne Aufmerksamkeit, doch in erster Linie ist das eine Aufmerksamkeit für PeTA; Nicht für die Betroffenen von Gewalt. Es ist eine Strategie des Marketings, die darauf ausgerichtet ist, Personen auf PeTA derart aufmerksam zu machen, dass die Spenden stetig fließen. (Und schau! Es funktioniert: Wir sprechen über PeTA… Wir konnten diesen Text unmöglich veröffentlichen, ohne den uns als relevantesten erscheinenden Akteur klar zu benennen.)

Weiterhin beunruhigend scheinen uns Video-Kampagnen, die Sex und Dokumentation von Gewalt gegen Tieren nebeneinander stellen, offenbar erstellt, um die Aufmerksamkeit junger heterosexueller Männer zu gewinnen und über die Arten und Weisen der Benutzung von Nichtmenschen zu informieren. So werden etwa PeTAs Jahresrückblicke (2007,2008,2009,2010) regelmäßig von strippenden Frauen (die ein ganz bestimmtes und oben beschriebenes Frauenbild wiedergeben) vorgetragen, deren Darstellungen sich unmittelbar Gewaltdarstellungen von Tieren anschließen. Wir verstehen nicht, so sehr wir uns bemühen: Welche (emanzipatorischen) Denkprozesse oder Veränderungen sollen diese auf der einen Seite sexuell erregenden und auf der anderen Seite klar Gewalttätigen Bilder bei den betrachtenden Männern auslösen?

Doch diese Klasse von Kampagnen, die im Wesentlichen auf dem Verkauf von Sex und „Schönheit“ aufbauen, sind nicht die einzigen sexistischen Elemente in der Tierbefreiungsbewegung. Exemplarisch bemerken wir, einen subtilen Sexismus in bspw. den Antipelzkampagnen: Indem wir einen Fokus auf das Produkt „Pelz“ setzen, implizieren wir nicht nur, dass es einen de facto nicht zu rechtfertigenden moralischen Unterschied zwischen Pelz und etwa Leder, Wolle, Seide oder anderen tierlichen Kleidungsstücken gebe, sondern wir heben auch solche Menschen als „besonders schuldig“ hervor, die Pelzprodukte tragen.

Der meiste Pelz in unserer Gesellschaft wird von Frauen getragen. Effektiv isolieren solche Kampagnen die Täterinnenschaft von Frauen und setzen dadurch die davon moralisch ununterscheidbare Kooperation mit Tierausbeutung, wie sie von Personen aller Gender praktiziert wird, herab. Kurz: Was nützt es, auf eine alte Dame im Pelz mit dem Finger zu zeigen und gleichzeitig einen Biker im Leder Outfit zu ignorieren.

Wir weisen zuletzt auf Rolle der Kategorie Gender bei der Betrachtung von Tierausbeutung hin: Tiere, die speziell für Milch oder Eier ausgebeutet werden sind objektifizierte Frauen deren reproduktiver Zyklus zu einer Ware gemacht wird. Sie werden wiederholt geschwängert, teilweise für die Milchproduktion systematisch und wiederkehrend vergewaltigt und von ihren Kindern getrennt, was für uns eine unerträgliche Gewalt und Ungerechtigkeit gegen Mütter und Kinder darstellt. Säugetiere und Vögel werden praktisch ausnahmslos getötet sobald, ihre reproduktiven Fähigkeiten erschöpft sind und ihre Haltung für die Besitzer_innen nicht mehr profitabel ist. Weitere weibliche Tiere diverser Spezies werden von Menschen als Reproduktionsmaschiene benutzt, um „Wurf“ für „Wurf“ zu produzieren. Ihre Körper werden beseitigt, sobald sie diesen Zweck nicht mehr erfüllen.

Wir sind nicht überrascht, dass sich in unserer speziesistischen Gesellschaft, in der Nichtmenschen Eigentum sind, de Begriffe „Feminismus“ und „Sexismus“ praktisch nie auf nichtmenschliche Betroffene bzw. Freiheitskämpfe von Nichtmenschen beziehen. Wir als abolitionistische vegane Feminist_innen sehen die Ausbeutung dieser tierlichen Fraulichkeit an der Schnittstelle der Stränge unserer Aufklärungsarbeit und wir sind befremdet von Menschen, die sich als (ovo/lacto/pesco) Vegetarisch aus „feministischen Gründen“ definieren. – Wenn wir annehmen, dass der Konsum von Tierlichen Körpern falsch ist, weil er mit einer Behandlung von Frauen „wie Fleisch“ strukturell identisch ist, dann würden wir erwarten, dass eine solche Person auch die strukturelle Verwobenheit in der Unterdrückung von Frauen anerkennt, die zu einer Ausbeutung tierlicher Reproduktionszyklen führt.

Feminismus ist für alle, und das schließt Nichtmenschen ein. Als Vertreter_innen einer Tierrechtsposition ist es unsere Verantwortung, Ausbeutung und Unterdrückung aller Wesen zu benennen und anzugreifen. Das tun wir durch entschlossene, kreative und gewaltfreie Aufklärungsarbeit. Wir können nicht ernsthaft erwarten, zur Ausbeutung von Nichtmenschen über eine Marginalisierung unserer Mitmenschen auch nur einen minimalen Beitrag zu leisten.

Wir fassen zusammen: Der Ausverkauf unserer Körper ermächtigt uns nicht, auch nicht, wenn wir damit meinen für Veganismus oder ein beliebiges Politikum zu werben. In einer Bewegung, die für soziale Gerechtigkeit einsteht, sollten wir grundsätzlich keine sexistischen Methoden verwenden. Ausbeutung aller verletzlichen Wesen ist interdependent. Eine Überwindung von Speziesismus, ist nicht vorstellbar ohne ein aufrichtiges Bekenntnis zur Überwindung von Sexismus.

Als Addendum noch ein Hinweis auf das Statement der Antispe Tübingen zum Frauentag.

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