Markt für Tierschutz

November 15, 2011

(Lusk 2010) hat sich mal Gedanken zu einem Tierschutzansatz gemacht und übt sich in folgender Selbstkritik am Status Quo:

(…) Although consumers can buy free range products in niche markets, some have argued that existing markets cannot solve the animal welfare dilemma because there are individuals who care about animal wellbeing who do not eat animal products. (…) [I propose and discuss t]he potential merits and efficacy of an animal welfare market (…).

Obwohl Konsumenten Freilandprodukte in Nischenmärkten beziehen können, argumentieren Manche, dass die existierenden Märkte das Tierschutzdilemma nicht lösen können, weil sich Menschen die sich um das Tierwohl sorgen, dieser Märkte entziehen. Ich schlage daher einen vom Tierprodukt entkoppelten Markt für Tierschutz vor und diskutiere dessen potentielle Leistungen und Wirksamkeit.

Wenn er hier vom „Tierschutzdilemma“ spricht, meint er damit die Tatsache, dass „die Produktion etwa von Fleisch eine negative Externalität erzeugt – nämlich Tierleid“. Das bedeutet, dass in der Produktion von Tierprodukten Kosten für „die Gesellschaft“ (Wobei unklar ist, ob nichtmenschliche Tiere dazu gehören) entstehen, die im Preis des Endproduktes nicht abgebildet werden (können), weil kein_e Akteur_in in der Wertschöpfungskette für diese Kosten aufkommen muss.

Dieses „Dilemma“ ist seit Jahrhunderten bekannt. Der erste breiter diskutierte Lösungsansatz dazu stammt vermutlich schon von (Pigou 1920) und wird heute unter dem Stichwort Pigou-Steuer besprochen: PeTA hat eine schöne Veranschaulichung dieses Ansatzes produziert und auch alle anderen Orgas des Neuen und Alten Tierschutz’ greifen diesen Tropus in ihrer Programmatik auf ([1] [2] [3] [4]) … mit kaum sichtbaren „Erfolgen“.

Im Gegenteil könnte man argumenteiren, dass durch das Vorschlagen fiskaler Maßnahmen Begehrlichkeiten für Subventionen geweckt werden. Lusk spricht das explizit als Möglichkeit an und laut (Hnat 2003) gehen bspw in Österreich 60 % der fiskalen Förderungen für den Agrarsektor in die tierliche Landwirtschaft. Pflanzliche, forstliche und sonstige schaffen es zusammen auf 20 %; Für die DE, CH und die EU gilt vermutlich Vergleichbares. (Hat jemand Zahlen?)

Und selbst angenommen, eine Steuer für Tierprodukte wäre durchsetzbar, ist noch nicht unmittelbar davon auszugehen, dass anziehende Preise einen wesentlichen Einfluss auf das Konsumverhalten nehmen würden: (Gallet 2010) hat sich mal die Literatur dazu angeschaut und schließt, dass sich die Preiselastizität von Fleisch (d.h. der Faktor, wie sich Preis auf Konsum auswirkt) in einer Größenordnung 0,6 bis 0,9 bewegt: Das bedeutet, eine Preissteigerung um 10% führt zu etwa 6-9% Rückgang im Konsum. Weiter müsste man Reaktionseffekte der Länder des globalen Südens auf europäische Fiskalpolitik berücksichtigen.

Der Diskurs um die Steuer auf Tierprodukte ignoriert für mich das eigentliche Problem: Die ungebrochene Akzeptanz vom Status der Tiere als Waren. Denn innerhalb dieser Betrachtungsweise muss man jeden subjektiven Anspruch von Tieren (das sind Ansprüche um ihrer selbst willen) zurückweisen und kann alle Ansprüche nur aus menschlichen Projektionen heraus rechtfertigen. Denn Ware zu sein bedeutet schließlich, dass jeder Wert des Wesens extrinsischer Art ist. Dieses Grundannahme können (und wollen auch in den meisten Fällen) weder fiskalische Mechanismen noch ein (vom Tierprodukt entkoppelter) „Markt für Tierschutz“ hinterfragen.

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Zoophilie

November 11, 2011

Das Amtsgericht in Berlin untersagt die Vereinsgründung einer Gruppe von Zoophilen, das sind Menschen, die sich sexuell (und amurös?) zu individuellen nichtmenschlichen Teiren hingezogen fühlen.

Ich war schwer überrascht von PeTA-Deutschlands Positionierung. Dort schreiben sie „Zoophilie ist immer mit Zwang gegenüber Tieren verbunden, denn sie haben sich den (sexuellen) Willensbedürfnissen der Menschen unterzuordnen – somit ist und bleibt dies rechtswidrig.

Überrascht hat mich das, weil PeTA’s ChefideologInnen Peter Singer und Ingrid Newkirk dazu eigentlich eine andere Position haben: Siehe etwa Singers Text Heavy Petting oder diese Reaktion von Newkirk.

If a girl gets sexual pleasure from riding a horse, does the horse suffer? If not, who cares? If you French kiss your dog and he or she thinks it’s great, is it wrong? We believe all exploitation and abuse is wrong. If it isn’t exploitation and abuse, it may not be wrong.

Wenn ein Mädchen das Reiten auf einem Pferd sexuell erregt, leidet dann das Pferd? Falls nicht, was wäre dann schon dabei? Wenn du deinem Hund einen Zungenkuss gibst und sie oder er es großartig findet, wäre das falsch? Wir glauben Ausbeutung und Mishandlungen sind falsch. Falls eine Sache nicht darunter fällt, dann kann sie auch Ok sein.

Zugegeben; Das klingt (im Gegensatz zu Singers wohlüberlegten Text) wenig reflektiert. Es ergibt aber in ihrem ethischen Setting, in dem Newkirk sonst so über die Mensch-Tierbeziehungen nachdenkt, Sinn.

Newkirk und Singer fragen als UtilitaristInnen nur in Situationen nach „glücksmaximierenden Handlungen“ und ignorieren dabei (notwendigerweise) Machtgefüge wie bspw. Privilegien, die Eigenschaft Eigentum zu sein, wirtschaftliche Abhängigkeiten, etc.

Gegenseitig respektvolle sexuelle Interspeziesbeziehungen sind vielleicht abstrakt vorstellbar. Aber in einer Gesellschaft in der Tiere Eigentum sind und jährlich 60 Mrd. nichtmenschliche Tiere zur Erzeugung sogenannter Nahrung getötet werden, scheint es mir völlg illosorisch, anzunehmen, dass sexuelle Interspeziesbeziehungen, die dieses Machtverhältnis nicht wiederspiegeln, praktisch möglich sein sollten.

Vor dem selben Hintergrund halte ich es übrigens ebenso für unangebracht von zoophilen Menschen als „kranken Schweinen“ zu sprechen; Denn Schweine können für den ganzen Quatsch am allerwenigsten und sie als derrogatives generisches Anderes für etwas, was einen selbst anekelt, zu rendern, ist eher geeignet, diese institutionalisierte Gewalt weiter zu verfestigen, als einen kritischen Diskurs darüber anzustoßen.

Ich finde das alles auch ein schönes Beispiel, um praktisch nachzuvollziehen, wie der theoretische Ansatz von Singer prinzipiell nicht in der Lage sein kann wesentliche und konstitutive Elemente von Herrschaft der Menschen über nichtmenschliche Tiere kritisch zu denken.

Und es ist für mich auch Interessant, dass Haferbeck widerspricht. Mir scheint das vielleicht relevant, wenn ich mich nämlich frage, inwiefern eine abolitionistische Kritik am neuen Tierschutz aus dem englischsprachigen Raum auf den deutschsprachigen Raum übertragbar ist. Interessant fände ich also auch Details, warum Haferbeck widerspricht. Hoffnungen mach ich mir da aber eher keine, weil er mir bislang noch nicht durch nachvollziehbare Begründungen seiner Positionen aufgefallen ist.

Aber vielleicht waren ja auch die Leute des zu gründenden Vereins einfach nur ein Haufen Verwirrter und deren Gründungsdokumente viel zu Diffus um anhand dieser zu beginnen, ernsthaft über Zoophillie zu sprechen. Auch das fände ich interessant nachzulesen.

Schade. Die Vegane Gesellschaft verpasst nicht nur ihre Chance, einen kritischen Diskurs zu Singer anzustoßen, (wie es bspw. die asatue in einem anderen Kontext ganz gut vormacht) sondern haut stattdessen eine peinliche Beschwerde beim Presserat heraus. Ich dachte @zeitrafferin (aka Julia Seelinger) kocht Probleme auf, die wir längst überwunden hätten. Anscheinend hat sie mit ihrem Rant aber doch bei vielen einen Nerv getroffen.

Dann auch noch dieser Aufschrei, die armen Veganer_innen seien ja sooo diskriminiert. Das ist auf so vielen Ebenen Infam: Selbst wenn man kein_e Tierrechlier_in ist, erkent man leicht, dass die soziologische Zusammensetzung von Veganer_innen überhaupt nicht einer marginalisierten Gruppe ähnelt. Und es gibt eine Hand voll großartiger Tierrechtler_innen, die sehr scharf analysieren, dass das es seine guten Gründe hat und ein Problem ist, dass überwiegend bürgerliche, wirtschaftlich affluente, weiße Akademiker_innen die Basis der Veganer_innen bilden und die Theoriebildung zusätzlich überwiegend von männlichen Personen betrieben wird bei einer überwiegend weiblichen Basis. Solange wir diese Hierarchien bei uns kultivieren, sollten wir von Diskriminierung schweigen. Und auch wenn wir diese abgebaut haben, scheint es mir aus tierrechtlicher Perspektive angebracht hier Zurückhaltung in Achtung derjenigen zu üben, für die sich Diskriminierung nicht nur als ein ärgerlicher Artikel ausdrückt, sondern die Diskriminierung so erleben, dass ihre Körper und ihre reproduktiven Zyklen zu einer Ressource gemacht und konsumiert werden.

Und auch die anderen jüngsten Posts von der VGD sind bei etwas genauerem Hinsehen eigentlich nur die übliche neutierschützerische Kackscheiße: Özdemiers anthropozentrisches Vegetarismusargument. Der olle Bill Clinton, der schon vor einem halben Jahr nicht vegan war. (Er isst überwiegend pflanzlich und auch nur aus gesundheitlichen Gründen) Und dann noch die Die Fürstin, die ich mir schon gar nicht mehr angeschaut habe, weil auch so schon klar ist, was sie nicht sagen wird:

  • Sie wird nicht formulieren, dass es ein prinzipielles Problem ist, Tiere als eine Ressource zu behandeln. In anderen Kontexten sind wir bereit zuzugestehen, dass Tiere eigene Erfahrungen von der Welt haben und diese eigene Perspektive ihr Wohlergehen wichtig macht und zwar logisch unabhängig davon, ob ihr Lebenswandel für triviale menschliche Bedürfnisse einen profitablen Kurs nimmt. Sie sind, wie alle Wesen mit eigenen Erfahrungen der Welt für sich genommen wichtig und nicht, weil es jemanden nützt.
  • Sie wird nicht von der gewalttätigen Grundhaltung sprechen, die wir gegenüber Nichtmenschen an den Tag legen; Von der speziesistischen Ideologie mit der wir das weltweite Schlachten von 56 Mrd nichtmenschlichen Säugetiere und etwa einer Billion Meerestiereb pro Jahr rationalisieren, obwohl es für uns keinen besseren Grund dafür gibt, alsdass uns ihre Körper und Sekrete so wahnsinnig gut schmecken.

So und jetzt schau ich mir das Video an und werde mich „freuen“, dass ich mal wieder Recht hatte… *.*

Durch die Blogs und Netzwerke blubbert die Tage vielfach ein Video [Trigger Warnung] aus einem indonesischen Schlachthaus, das auch von der australischen Mainstreampresse aufgegriffen wurde und vielfach als „besonders grausam“ beschrieben wird.

Selbst der oberste Schlächter des Landes sieht sich genötigt, diese Bilder als „extrem schockierend“ zu kommentieren und unterstellt damit natürlich implizit, dass „australisch geschlachtete Tiere“ in ihrer Verwandlung von einem Lebewesen zu Fleisch grundsätzlich mehr „Menschlichkeit und Mitgefühl“ erfahren, als es innerhalb der muslimischen Schalchtriten möglich wäre.

Im Detail habe ich das nicht verfolgt, aber ich glaube die Konsequenz war letztlich ein Importstopp. Ich meine auch die Begründung dafür gelesen zu haben, man wolle die betroffenen Tiere „retten“, indem man sie in Australien schlachtet. So spielen sich letztlich Diejenigen, die die Nutzung dieser Tiere tragen und daran tailhaben zu den Retter_innen der Betroffenen auf. Und die Tierorganisationen (genauer diese) bestätigen die Akteure dabei in ihrer Rolle.

Ich kritisiere mal das Offensichtliche zuerst: Der Status nichtmenschlicher Tiere als Ressource, dessen Abschaffung oder zumindest Schwächung mMn die Hauptaufgabe tieremanzipatorischer Bewegungen sein sollte, wird nicht in Frage gestellt. Das ist schlimm genug, wäre aber (leider) für sich genommen nichts Neues.

Interesant ist an dem Fall nicht, dass auf damit die Annahme perpetuiert wird, es gäbe eine Skala von Arten und Weisen der Schlachtung, die von „besonders schlimm“ bis zu „wenns denn sein muss“ geht sondern, dass hier besonders sichtbar ist, dass die Unterscheidung, ob eine Schlachtung „grausam“ oder „menschlich“ (englisch humane) ist, entlang rassistischer bzw. islamophob/antisemitischer Linien verlaufen. Mitlerweile finde ich, darf mich das auch ankotzen: Denn schließlich ist das nicht das erste Mal, dass darüber geredet wird.

Interessant ist an dieser Stelle, auch zu fragen, wer eigentlich von diesem „Skandal“ profitiert:
Die mittelfristige Verlagerung von Schlachtungen in das eigene Land wird im Angesicht steigender Transportkosten (Qua Rohölpreis) nämlich ohnehin zu einer volkswirtschaftlichen Notwendigkeit für die Tierausbeutenden. Sie nun durch eine „Bewusstseinbildung“ bei den Konsument_innen weiter zu fördern, gedient dabei ganz klar der Effizienz der Tierproduktion. Apelle ans Mitgefühl werden so nicht nur in eine absurde Vorstellung von mitfühlender Schlachtung kanalisiert, sondern auch zu einem planwirtschaftlichen Vehikel instrumentalisiert.

Es ist dabei mitnichten so, dass ich Gewalt gegen nichtmenschliche Tiere in Indonesien kleinreden möchte: Doch es ist praktisch nicht möglich in einem Satz zu sagen, dass eine Instanz von Gewalt „besonders schlimm“ ist, ohne dabei implizit auch zu sagen, (indem man bspw. darüber schweigt) dass andere Instanzen akzeptabel sind. Das ist ein bisschen analog zur Kritik an der Extremismustheorie, wo durch die herausgehobene Kritik besonders sichtbarerer Gewalt gegen eine Minderheit diejenige Gewalt, die strukturell von dem gesellschaftlichen Mainstream getragen und reproduziert wird, unsichtbar gemacht und weiter verfestigt wird. Wir lullen uns so, insbesondere im tierlichen Kontext, in die (falsche) Vorstellung, es gäbe eine zivilisierte Art und Weise der Ausbeutung (von nichtmenschlichen) Tieren.

Und letztlich machen viele dem Selbstversändnis nach tieremanzipatorische Gruppen genau das: Sie erklären den Leuten, dass es schlimm ist, getötete Tiere vor den Augen anderer Tiere in Indonesien zu häuten und schweigen aber über das, was deren Publikum eigentlich viel direkter betreffen würde: Dass diese Ansprechpartner_innen selbst jeden Tag Tiere als eine Ressource behandeln und zwar auf eine Art und Weise, die aus einer Betroffenenperspektive der Gewalt gegen Nichtmenschen in Indonesien um nichts nachsteht. Als Reaktion kaufen die Leute mit einem verbessertem Gewissen „gutes Fleisch“ (Es Muss „gut“ sein, denn schließlich haben mir die Tiernerds dazu geraten) anstelle ihre eigene offensichtliche Verflochtenheit mit Tierausbeutung zu realisieren und zu beenden.

Siehe auch

The (first) Trial against 13 animal welfare activists in Austria finished yesterday after 14 months, clearing all of the accused of all charges. In a nutshell in this trial 13 people were accused of forming a „criminal organization“. 10 of them had their homes searched and were held in custody for 109 days back in 2008.
What had been criticized about the accusations, is that they did not incriminate concrete actions (Person A did X) but instead mapped criminal offenses (We are talking „minor“ property damages) committed by unknown persons to an abstract organization (The „ALF“) the „idea of which“ the accused allegedly supported by running animal welfare campaigns.
(There were however some exceptions: One activist for example was accused of smashing a window of a gathering of neo-fascists; another was accused of releasing a group of confined pigs to the outside that caused them injuries and hence violated the animal welfare act; 10 of the 13 exclusively faced the accusation of forming a criminal organization.)

Previously to the judgment the judge herself had been subject of serious criticism throughout the legal profession for the way she had run the trial, mainly for not letting the defense ask their questions freely to any of the witnesses and for discussing conduct during perfectly legal campaigns.

In February/March she stopped, quite suddenly, the exposition of the accusations by the general attorney and declared that she would proclaim her judgment in late April. (That was just a week after the main accused, Martin Balluch, had published an estimate that the trial would go on at least until late 2013.) As this would leave no time to hear most of the defense’s witnesses, it had been rumored since then that she would issue a clearance of all charges.

In her judgment on 2and of May she finally stated that there is no such criminal organization in Austria. She also criticized the Austrian police and general attorney for a number of issues as for instance secret investigations that had not been reported to the accused or the court, and which were only revealed in December 2010 due to private investigations of the accused.

She stated that the accused split into two groups that do not cooperate and hence could not form a criminal organization. The accused would not encourage or engage in any illegal action but might, however sympathize with the ALF which by itself would not constitute a criminal offense. Furthermore they were not organized hierarchically and there was no evidence of critical infrastructure of such an organization.

With regard to a linguist that accused Martin Balluch of writing several letters, some of which confessed to committing criminal offenses, the judge stated that the linguist could not argue to his point and held him to be unqualified to judge issues of forensic linguistics. Furthermore the statements by a number of persons claiming authorship of a number of the texts were held to be credible.

The singular offenses, that did not fall under the main accusation of forming a criminal organization, were dismissed for reasons of substantial doubt.

The general attorney had just an hour ago declared that he will appeal against the judgment. This had been found to be surprising as it will constitute an(other) opportunity for the previously accused to further proof the illegal conduct of the police and general attorney during the issue. The previously accused have already issued a sue against the police.

Als abolitionistisch vegane Feministin_en stellen wir uns gegen sexistische Ansätze in den tieremanzipatorischen Bewegungen. Eine Tierrechtsposition aufbauend auf einen ethischen Veganismus als Minimalforderung, wie wir sie vertreten, enthält in ihren Begründungsstrukturen die Zurückweisung Ausbeutungsmechanismen gegen alle verletzlichen Wesen – sowohl gegen Menschen als auch gegen Nichtmenschen. Unsere Kritik am Speziesismus ist nicht mit Sexismen oder anderen Formen von Diskriminierung wie Rassismen, Klassismen, Heterosexismen, etc. vereinbar.

(Übersetzung eines Statements)

Wir sind vielen, insbesondere weiblichen, Tieraktivistinnen begegnet, die die Verwendung von Sexualisierungen zur Agitation unproblematisch finden und verschiedene Rechtfertigungsansätze dafür vorbringen. Ferner wurden andere Aktivist_innen angegriffen, die diese Praxen offen kritisiert haben. Beides ist aus unserer Sicht für eine ernsthafte emanzipatorische Bewegung inakzeptabel.

Einige Aktivist_innen verteidigen die Verwendung von Sexualisierungen mit dem Vorwurf der Prüderie, den sie gegen uns richten. Abolitionistische Veganer_innen sind mitnichten prüde! Vielmehr erkennen wir in der Art und Weise, wie Sex zum Verkauf von Waren im Patriarchat genutzt wird, eine Reduktion von Frauen auf ihre reproduktiven Fähigkeiten und einer allgemeinen Verdinglichung. Betrachte als Beispiel die Art und Weise, wie PeTA Sex für ihre Kampagnen instrumentalisiert: In ihren Materialien reproduzieren sie ausschließlich westliche Schönheitsideale, indem sie dünne, vollbusige Frauen vermarkten, die sich in einer passiven, verletzlichen Position einem (männlichen heterosexuellen) Betrachter präsentieren.

PeTAs Männerbild hingegen ist muskulös und in deren Haltung gezeichnet von Eigenschaften wie Entschlossenheit, Stärke und Souveränität. Wenn sexistische Machtverhältnisse benutzt werden um eine „Gerechtigkeitsforderung“ für Nichtmenschen zu verkaufen, zu dem Preis, ein passives, sich unterwerfendes Rollenmodell menschlicher Frauen zu zeichnen liegt für uns der Zynismus klar auf der Hand. Jede Ernsthaftigkeit von Ausbeutungsverhältnissen und Ungerechtigkeiten wird durch das Einbringen dieser billigen Stereotypen banalisiert und diese Ansätze sind weit entfernt, die zugrunde liegenden Aubeutungsverhältnisse, die sowohl Menschen als auch Nichtmenschen betreffen, anzugreifen.

Einige Aktivist_innen verteidigen die Verwendung von Sex mit dem Argument, Sexualität erlange die Aufmerksamkeit potentieller neuer Veganer_innen. Indem wir an ihr Selbstbild anknüpfen und aufzeigen wie sexy der Veganismus uns macht, würden diese motiviert vegan zu leben. Diese Auffassung ist nicht nur inhaltlich falsch, sondern würde, wenn sie wahr wäre, von den eigentlichen Gründen, die eine vegane Politik motivieren sollten ablenken. Es geht uns um die Rechte von Tieren. Nicht darum, dass wir uns „sexy“ fühlen, besseren Sex haben, oder besser aussehen, als Menschen, die Tierprodukte essen; Alles Eigenschaften von denen wir alle wissen, dass die einer veganen Lebensweise weder kausal noch faktisch in irgend einer Verbindung stehen.

Veganismus sexualisierend zu bewerben, wird, wenn es nicht sogar explizit getan wird, ganz implizit gelesen werden, als eine Diät, mit der (in erster Linie Frauen) Gewicht verlieren können. Wir sollten bedenken, wie diese Botschaft auf diejenigen Veganer_innen wirkt, die sich nicht als „sexy“ identifizieren. Ihnen wird ein Versagen darin suggeriert, dass ihre Körper diesen einschränkenden Standards nicht entsprechen. Das wird diesen Personen wahrscheinlich an anderen Stellen bereits zur Genüge angetan.

Wieder beobachten wir eine klare Referenz auf ein ganz bestimmtes, einschränkendes Schönheitsideal, das (bspw. dicke) Menschen marginalisiert und Männern wie Frauen, letzteren jedoch insbesondere, schadet. Schlimmer aber noch ist in unseren Augen, dass diese Art der Agitation die Aufmerksamkeit von der eigentlichen Haltung, die für eine vegane Lebensweise spricht, ablenkt: Nämlich von der Anerkennung nichtmenschlicher Tiere als Personen.

Einige Aktivist_innen, die eine sexualisierende Bewerbung verteidigen, verneinen, dass ihr Diskurs sexistisch sei. Vielmehr „ermächtige“ er die teilnehmenden Frauen. Kritiken an den Aktivitäten erklären sie zu einem Ausdruck der Geringschätzung der Akteurinnen und weisen den Sexismusvorwurf auf diese Art und Weise an die Kritisierenden zurück; Insbesondere dann, wenn männliche Personen die Kritik vorbringen.

Wir beobachten eine „Männer sollten auf Frauen hören“-Einstellung in diesen Forderungen, die versucht die Gleichheitsforderung, für die eine feministische Position einsteht, mit einem biologistisch begründetem weiblichen Autoritarismus zu zerlegen.
Selbstverständlich erkennen wir an, dass eine Perspektive der Betroffenen (und überhaupt von Frauen) einbezogen werden sollte. Doch das heißt nicht, dass wir einer Argumentation folgen sollten, nur weil die aussprechende Person weiblich ist; Solchen Positionen einen begründeten Gegenentwurf gegenüber zu stellen ist sicher kein Ausdruck von Sexismus. Mit den Worten von bell books: „Während ich anerkenne, dass Schwesternschaft eine starkes Instrument unserer Ermächtigung ist, gilt doch, dass der Feminismus eine Theorie für alle ist.“

Betrachten wir einen Weiteren Einwand. Einige meinen, diese Kampagnen seien notwendig um die Aufmerksamkeit „normaler Menschen“ zu erlangen. Wir haben bereits angemerkt, dass diese Formen von Bewerbung, die Aufmerksamkeit vom Kernaspekt eher weg lenkt: Nämlich von dem Grundrecht verletzlicher Wesen, nicht als Eigentum behandelt zu werden.

Aufmerksamkeit um jeden Preis zu erhaschen ist nicht der Weg, den wir beschreiten sollten, um eine todernste Angelegenheit, wie Gewalt gegen Schwächere, anzusprechen. In einer Gesellschaft, die diese Gewalt vielfach nicht wahr oder wenigstens nicht ernst nimmt, werden „Aufmerksamkeit-um-jeden-Preis“-Ansätze eher dazu beitragen, die unerträgliche und allgegenwärtige Gewalt weiter zu banalisieren. PeTAs sexistische Kampagnen bekommen zweifelsohne Aufmerksamkeit, doch in erster Linie ist das eine Aufmerksamkeit für PeTA; Nicht für die Betroffenen von Gewalt. Es ist eine Strategie des Marketings, die darauf ausgerichtet ist, Personen auf PeTA derart aufmerksam zu machen, dass die Spenden stetig fließen. (Und schau! Es funktioniert: Wir sprechen über PeTA… Wir konnten diesen Text unmöglich veröffentlichen, ohne den uns als relevantesten erscheinenden Akteur klar zu benennen.)

Weiterhin beunruhigend scheinen uns Video-Kampagnen, die Sex und Dokumentation von Gewalt gegen Tieren nebeneinander stellen, offenbar erstellt, um die Aufmerksamkeit junger heterosexueller Männer zu gewinnen und über die Arten und Weisen der Benutzung von Nichtmenschen zu informieren. So werden etwa PeTAs Jahresrückblicke (2007,2008,2009,2010) regelmäßig von strippenden Frauen (die ein ganz bestimmtes und oben beschriebenes Frauenbild wiedergeben) vorgetragen, deren Darstellungen sich unmittelbar Gewaltdarstellungen von Tieren anschließen. Wir verstehen nicht, so sehr wir uns bemühen: Welche (emanzipatorischen) Denkprozesse oder Veränderungen sollen diese auf der einen Seite sexuell erregenden und auf der anderen Seite klar Gewalttätigen Bilder bei den betrachtenden Männern auslösen?

Doch diese Klasse von Kampagnen, die im Wesentlichen auf dem Verkauf von Sex und „Schönheit“ aufbauen, sind nicht die einzigen sexistischen Elemente in der Tierbefreiungsbewegung. Exemplarisch bemerken wir, einen subtilen Sexismus in bspw. den Antipelzkampagnen: Indem wir einen Fokus auf das Produkt „Pelz“ setzen, implizieren wir nicht nur, dass es einen de facto nicht zu rechtfertigenden moralischen Unterschied zwischen Pelz und etwa Leder, Wolle, Seide oder anderen tierlichen Kleidungsstücken gebe, sondern wir heben auch solche Menschen als „besonders schuldig“ hervor, die Pelzprodukte tragen.

Der meiste Pelz in unserer Gesellschaft wird von Frauen getragen. Effektiv isolieren solche Kampagnen die Täterinnenschaft von Frauen und setzen dadurch die davon moralisch ununterscheidbare Kooperation mit Tierausbeutung, wie sie von Personen aller Gender praktiziert wird, herab. Kurz: Was nützt es, auf eine alte Dame im Pelz mit dem Finger zu zeigen und gleichzeitig einen Biker im Leder Outfit zu ignorieren.

Wir weisen zuletzt auf Rolle der Kategorie Gender bei der Betrachtung von Tierausbeutung hin: Tiere, die speziell für Milch oder Eier ausgebeutet werden sind objektifizierte Frauen deren reproduktiver Zyklus zu einer Ware gemacht wird. Sie werden wiederholt geschwängert, teilweise für die Milchproduktion systematisch und wiederkehrend vergewaltigt und von ihren Kindern getrennt, was für uns eine unerträgliche Gewalt und Ungerechtigkeit gegen Mütter und Kinder darstellt. Säugetiere und Vögel werden praktisch ausnahmslos getötet sobald, ihre reproduktiven Fähigkeiten erschöpft sind und ihre Haltung für die Besitzer_innen nicht mehr profitabel ist. Weitere weibliche Tiere diverser Spezies werden von Menschen als Reproduktionsmaschiene benutzt, um „Wurf“ für „Wurf“ zu produzieren. Ihre Körper werden beseitigt, sobald sie diesen Zweck nicht mehr erfüllen.

Wir sind nicht überrascht, dass sich in unserer speziesistischen Gesellschaft, in der Nichtmenschen Eigentum sind, de Begriffe „Feminismus“ und „Sexismus“ praktisch nie auf nichtmenschliche Betroffene bzw. Freiheitskämpfe von Nichtmenschen beziehen. Wir als abolitionistische vegane Feminist_innen sehen die Ausbeutung dieser tierlichen Fraulichkeit an der Schnittstelle der Stränge unserer Aufklärungsarbeit und wir sind befremdet von Menschen, die sich als (ovo/lacto/pesco) Vegetarisch aus „feministischen Gründen“ definieren. – Wenn wir annehmen, dass der Konsum von Tierlichen Körpern falsch ist, weil er mit einer Behandlung von Frauen „wie Fleisch“ strukturell identisch ist, dann würden wir erwarten, dass eine solche Person auch die strukturelle Verwobenheit in der Unterdrückung von Frauen anerkennt, die zu einer Ausbeutung tierlicher Reproduktionszyklen führt.

Feminismus ist für alle, und das schließt Nichtmenschen ein. Als Vertreter_innen einer Tierrechtsposition ist es unsere Verantwortung, Ausbeutung und Unterdrückung aller Wesen zu benennen und anzugreifen. Das tun wir durch entschlossene, kreative und gewaltfreie Aufklärungsarbeit. Wir können nicht ernsthaft erwarten, zur Ausbeutung von Nichtmenschen über eine Marginalisierung unserer Mitmenschen auch nur einen minimalen Beitrag zu leisten.

Wir fassen zusammen: Der Ausverkauf unserer Körper ermächtigt uns nicht, auch nicht, wenn wir damit meinen für Veganismus oder ein beliebiges Politikum zu werben. In einer Bewegung, die für soziale Gerechtigkeit einsteht, sollten wir grundsätzlich keine sexistischen Methoden verwenden. Ausbeutung aller verletzlichen Wesen ist interdependent. Eine Überwindung von Speziesismus, ist nicht vorstellbar ohne ein aufrichtiges Bekenntnis zur Überwindung von Sexismus.

Als Addendum noch ein Hinweis auf das Statement der Antispe Tübingen zum Frauentag.

Get back on your seat: I do not hold by any means that veganism as a theory is necessarily ‘flawed’. 😉

However I came to notice some inconsistencies in different meanings of the word vegan that I would like to share and discuss:[1]

As I would observe it, there are those who define ‘veganism’ as…

  1. rejecting consumption of any ‘animal products’ (excluding self defence)
  2. rejecting the property status of beings with property ‚X‘, meaning practically at least to refuse taking any personal advantage from it. (excluding self defence)
    Here ‚X‘ is element of P:={‘sentience’, ‘subject of a life’, ‘ability to suffer’}.
  3. new welfarist versions of (1) or (2) that is supposedly rejecting consumption or the property status in principle, but allowing exceptions to that rule even if there is no claim to self defence.

Suppose for the sake of the further argument that this list is valid and complete. (Though I am of course very interested in why you would find that it is imprecise or not complete.)

Then I think I can give Examples of moral issues, each being condemned/accepted under one and only one of those vegan theories.

  • (1 or 2 yes, 3 no) I assume you are familiar with why (3) falls very short of (1) and (2). @GLF discussed the differences par excellence, so I wont go into them.
  • (3 yes, 2 and 1 no ?) Some who identify themselves as ‚vegan’ advocates of (3) hold the position that morally everyone (including ‘vegans’ subscribing to (1) or (2)) ought to support certain welfare reforms that would be rejected by (1) and (2) in order to reach ‘abolition’
  • (1 no, 2 yes) Using animal sponges is wrong under (1) but probably acceptable under (2) and certainly acceptable under (3). (At least, I think we can agree that it remains to be proven, that sponges suffice any of the conditions in P. If you do not regard a sponge as an ‘animal’, try to think of a being that you regard as an ‘animal’, but of which you think that none of P is provable or proven. If you feel, there is no such being I’d be very interested in your definition of ‘animal’ and a proof that any such ‘animal’ satisfies one (same) element in P.)
    Same applies for ‘animal products’ that ‘come out naturally’; that means that the relevant person from whom the product is ‘taken’ has never been subjected to any violation of her basic rights. (Examples: some ‘Pets’, human hair for wigs, some animal excrement as fertiliser, learning about scientific issues by observing (non-)humans without interfering in their life, some genetic engineering…)
  • (2 no, 1 yes) Though I would hold the position that (1) always implies (2), some others do not: I have encountered some ‘vegan’ people subscribing to (1) with a Marxist, anti-capitalist or anarchist perspective. They understand (1) with the emphasis of (1)’s wording lying on ‘consumption’. Though I feel that I never fully understood any of their arguments in depth, those people challenge my position (which is (2)) as reproducing an inherently ‘hierarchical’ (sometimes also called ‘paternalistic’, ‘bourgeois’ or ‘western’) belief-system; They reject the idea, that (any?) human ideas about justice or ethics could be generalised and demanded universally, most commonly using post-modern arguments. (Amazingly those people appear to reject ‘animal exploitation’ for the same reason that they reject (2)!)

So, summing up the above, I think I can safely conclude, that the concepts which ‘veganism’ can refer to, can be completely different.
If I consider further that usage of the term ‘animal rights‘ can be confusing due to the similar inconsistencies between different meanings of it, I then ask the following:

Should we continue to use the term ‘veganism’ in our advocacy? 

I am not quite sure on how to answer that.
One obvious reply to that would be: “(1) and (3) cannot be justified let us educate people about veganism meaning (2) and hope the other 2 meanings will ‘die out’ as we do so”.
But then I think: Wont a person advocating (1) or (3) do just the same thing? Suppose I wouldnt care. Suppose even for a moment I would be justified to ‘overdefine’ that person (because I’m right and they are wrong! 😉 ) and that I was able to actually dominate them, won’t my advocacy necessarily be misinterpreted in light of their paradigms?!

To be quite honest, I feel the answer is likely to be be “yes”.

Maybe I am just too afraid, that if I was to give up the key-word of abolitionist advocacy, which ‘veganism’ certainly is, I might end up lacking any language for advocacy altogether… (A very fearsome thought indeed)
Maybe I should try not to include the term ‘veganism’ in my advocacy (unless of course it is raised by somebody) for the next couple of months and just see how that feels …
———
[1] Two thoughts inspired me to reflect about this: One being Franciones „Som=e Thoughts on the Meaning of “Vegan”“ and the other being risen in Steven Wise’s critique of RWT (Animal Law 3:45.) Though would I reject Wise’s main point of the paper, I still find he has a point when saying that @GLF’s usage of the term ‘(nonhuman) animal’ is at times ambivalent: That is refering to members of animalia on some occasions and to ‘sentient beings’ on some other occasions. As will also state further on, I find the transition of moral arguments about the one class of beings to the other is never easy and sometimes impossible. That argument taught me to attend much more carefully to the usage of language in AR-philosophy.

(Previously posted on the abolitionist approach forum in December 2010. I’m Reposting it here, because the access there has been restricted to members.)

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